Wenn sich der Steinbruch St. Margarethen im Sommer 2026 wieder in das Rom um 1800 verwandelt, dann geschieht das nicht nur durch Musik, Kostüm und Regie, sondern vor allem durch ein Bühnenbild, das den Raum mit barocker Wucht neu definiert. Für die diesjährige Inszenierung von Puccinis Tosca realisiert Winter Artservice bereits zum 16. Mal die monumentale Kulisse der Oper im Steinbruch. Zu ihren zentralen Elementen zählen Hauptaltar, Kerzenständer, Heiligtum und Weihrauchfass, deren aufwendige Stahlkonstruktionen gemeinsam mit der burgenländischen Metallbaufirma Pinterich umgesetzt werden.

Das Regieteam rund um Thaddeus Strassberger setzt dabei auf eine Bildsprache, die den barocken Überschwang Roms ebenso aufnimmt wie dessen dunklere, bedrohliche Seite. Gold- und Marmoroptiken, fein gearbeitete Skulpturen und architektonische Großformen sollen im Steinbruch ein Wechselspiel aus Pracht, Zerstörung, Spiritualität und innerer Zerrissenheit erzeugen. Als ästhetische Bezugspunkte nennt die Produktion nicht nur die dramatische Lichtführung Caravaggios und die emotionale Dichte Artemisia Gentileschis, sondern auch die theatralische Kraft Berninis sowie architektonische Anklänge an Borromini und Guarini. Daniel Serafin spricht deshalb von einem besonders eindrucksvollen Beispiel für das Zusammenspiel von Musik, Raum und Bild.
Wie groß die Dimensionen dieser Arbeit tatsächlich sind, zeigt sich in den Zahlen. Mehr als 9.000 Arbeitsstunden fließen in die Herstellung der Kulisse, dazu kommen rund 6.500 Maschinen- und Roboterstunden. Ein Hauptaltar mit rund 24,5 Metern Breite und etwa 7,6 Metern Höhe bringt allein 12 Tonnen Stahlkonstruktion auf die Bühne. Das Heiligtum misst etwa 16,5 Meter in der Breite sowie rund 12 Meter in Höhe und Tiefe und wiegt rund 40 Tonnen. Dazu kommen zwei riesige Kerzenständer, ein dem Original aus Santiago de Compostela nachempfundenes Weihrauchfass und sogar eine zwei Tonnen schwere Kanone an der rechten Felskante in 20 Metern Höhe. Für Planung und Programmierung wurden insgesamt 1.300 Stunden aufgewendet, mehr als 50 technische Pläne mit über 80 Gigabyte Datenvolumen erstellt. Als materielle Basis nennt die Produktion 80 Tonnen Stahl und Gerüstbau, 500.000 Schrauben, sechs Kilometer Staffeln und Theaterlatten, 8.300 Quadratmeter Holzplatten sowie mehr als sechs Tonnen Putz und Farbe. Würde nur eine einzige Person daran arbeiten, entspräche das laut Produktion einem Aufwand von rund 17 Jahren.
Gerade in den technischen Details zeigt sich, wie ambitioniert diese Bühne gedacht ist. Edi Edelhofer bezeichnet das Weihrauchfass und den Engel als die größten konstruktiven Herausforderungen. Das Fass wird mit einer dem historischen Vorbild nachempfundenen Mechanik wie ein riesiges Pendel in Bewegung gesetzt, während der Engel so gebaut ist, dass er auf der Bühne kontrolliert zerfallen und anschließend wieder in seinen intakten Zustand zurückkehren kann. Christopher Winter verweist wiederum darauf, dass gerade bei Tosca jenes Know-how zum Tragen komme, das er einst bei Walt Disney für monumentale und zugleich glaubwürdige Großbauten gelernt habe.

Bemerkenswert ist, dass die Produktion bei aller Opulenz auch auf Wiederverwendbarkeit achtet. Einzelne Elemente des Bühnenbilds sind so konzipiert, dass sie nach Möglichkeit in anderer Form weiter genutzt werden können. Das passt zu einem Unternehmen, das bereits in den vergangenen Jahren mit seinen Arbeiten für die Oper im Steinbruch aufgefallen ist und nun erneut jene Mischung aus technischer Präzision, Größe und Detailarbeit liefert, die eine Freiluftproduktion dieser Dimension überhaupt erst möglich macht.
Die neue Tosca ist vom 15. Juli bis 22. August 2026 im Steinbruch St. Margarethen zu sehen. Regie und Bühne stammen von Thaddeus Strassberger, die Kostüme von Giuseppe Palella. Gemeinsam führt das Team das Publikum in das Rom der Napoleonischen Kriege, in eine Welt zwischen religiöser Macht, politischer Repression und revolutionärem Aufbruch. Dass diese Welt bereits vor dem ersten Ton sichtbar wird, ist zu einem wesentlichen Teil der Arbeit hinter den Kulissen zu verdanken.
