Ein Musical über Maria Theresia muss nicht museal sein, um zu funktionieren. Im Gegenteil: Die Produktion der Vereinigten Bühnen Wien entscheidet sich bewusst dafür, die historische Figur als Projektionsfläche für Gegenwartsfragen zu lesen, Macht, Rolle, Erwartungsdruck, Familie, Selbstbehauptung. Wer damit lebt, dass ein Musical dramaturgisch zuspitzt, verdichtet und Beziehungen stärker emotionalisiert, bekommt im Ronacher einen Abend, der nicht belehren will, sondern packen.
Das Stück spannt den Bogen von der jungen Erzherzogin bis zu den späteren Jahren an der Seite von Franz Stephan. Historische Eckpunkte sind erkennbar, aber sie werden nicht als Chronik ausgespielt, sondern als Motor für Konflikte und Entscheidungen. Gerade der Gegensatz zu Friedrich von Preußen wird klar als dramatischer Gegenpol gesetzt – nicht als Geschichtsunterricht, sondern als zugespitztes Duell zweier politischer Temperamente. Diese Freiheit wirkt nicht wie Schlamperei, sondern wie eine bewusste Setzung: Die Inszenierung interessiert sich stärker für Wirkung als für pedantische Belegbarkeit.

Das trägt vor allem die Besetzung. Nienke Latten steht fast durchgehend im Zentrum und füllt diese Rolle mit Präsenz, Energie und starker stimmlicher Kontrolle. Ihre Maria Theresia wirkt nicht „heilig“, sondern wach, ehrgeizig und überraschend nahbar. Eine Frau, die in eine Aufgabe hineingeworfen wird, die größer ist als jede Vorbereitung. Fabio Diso als Franz Stephan ergänzt sie als Partnerfigur, die nicht zum bloßen Beiwerk degradiert wird: charmant, glaubwürdig, mit feinerem Ton in den ruhigeren Momenten. Moritz Mausser macht Friedrich zu einem Antagonisten mit Wucht und Wiedererkennungswert, dunkel, kantig, mit einer klaren rockigen Haltung, die im Abendverlauf immer wieder Spannung erzeugt. Stark eingebettet sind auch Annemieke van Dam als Madame Fuchs (Warmherzigkeit und Autorität), Annemarie Lauretta als Kaiserin Elisabeth Christine sowie Dominik Hees als Karl VI. und Andreas Wolfram als Bartenstein als verlässliche Rahmenfiguren.

Musikalisch ist das Stück ein bewusstes Stil-Feuerwerk: Pop, Rock, Rap/Hip-Hop, Ballade, bis hin zu elektronischen Beats. Das kann man als „zu viel“ empfinden oder als konsequenten Zugriff auf eine Figur, die hier eben nicht im Barockglas konserviert wird. Wenn das Orchester der VBW unter Carsten Paap diese Vielfalt zusammenhält, entsteht genau jene klare Linie, die man bei solchen Stilmixen braucht: Wiedererkennungswerte, Reprisen, Rollenfarben. Ja, Rap-Passagen und Reime sitzen nicht immer gleich elegant. Aber der Gesamtklang funktioniert, weil die Produktion Tempo, Drive und große Hooks liefert und sich traut, Musical nicht als Nostalgieprojekt zu verstehen.

Optisch ist „Maria Theresia“ ein Statement. Morgan Large arbeitet mit Projektionen, LED-Flächen und beweglichen Elementen, sodass Szenenwechsel nicht wie Umbaupausen wirken, sondern wie ein permanenter Fluss. Ben Cracknells Lichtdesign setzt starke Akzente, und Aleksandra Kicas Kostüme spielen lustvoll mit dem Bruch: historische Silhouetten treffen poppige, moderne Codes, inklusive bewusster Stil-Fremdkörper wie Sneaker. Jonathan Huors Choreografie hält das Ensemble in ständiger Spannung und macht die großen Massenszenen zum eigentlichen Sog des Abends: präzise, energiegeladen, auf Effekt gebaut, aber in diesem Format auch genau richtig.

Maria Theresia ist kein Versuch, Geschichte pedantisch nachzustellen, sondern ein bewusst modernes, großformatiges Musical, das eine historische Figur als Gegenwartsstoff erzählt mit Tempo, Pop-Attitüde und klarer Haltung. Wer akzeptiert, dass Musical Dramaturgie verdichtet, Konflikte zuspitzt und historische Freiheiten nutzt, bekommt im Ronacher einen Abend, der visuell und musikalisch konsequent auf Wirkung spielt und genau darin seine Stärke hat.
Die starke zentrale Besetzung, die enorme Bühnenmaschinerie und der Stilmix aus Pop/Rock/Rap und Elektronik greifen hier nicht zufällig ineinander, sondern ziehen die Figur Maria Theresia aus der Vitrine und stellen sie mitten ins Heute.
Ja, nicht jede Rap-Zeile sitzt perfekt, aber der Gesamteindruck bleibt ein seltener Mix aus Mut, Energie und professioneller Wucht, der drei Stunden trägt. Kurz: Das ist kein Geschichtsseminar, sondern ein Statement in Musicalform. Wir können eine klare Empfehlung für alle aussprechen, die großes Wien-Musical lieben und moderne Handschrift ausdrücklich wollen.
